„Ich mag diese Reiseführer nicht besonders,
die einem eine Gegend oder Stadt anhand
vordefinierter Highlights nahebringen.“


Die Leute stiefeln dann dorthin, machen ein Bild davon und erleben: nichts. Und um das zu kaschieren, knipsen sie gleich noch ein Selfie, auf dem sie möglichst ekstatisch aussehen. Mitgenommen haben sie im besten Fall das Gefühl, eine Pflicht erfüllt und etwas abgehakt zu haben. Im schlimmsten Fall finden sie, dass die Sehenswürdigkeit auf den Fotos im Führer irgendwie besser aussah als in echt. Lieber drehe ich die Sache um und begebe mich, vom Moment und meiner Stimmung geleitet, an einen beliebigen Ort und lasse meine Umgebung auf mich wirken, am besten langsam. Das Verfahren eignet sich im übrigen gerade für die Südstadt vorzüglich, die nicht besichtigt, sondern erlebt werden will.
So setze ich mich an den Aufseßplatz in ein Straßen-Café, dessen Stühle nicht zum Tisch sondern einträchtig Seite an Seite auf den Platz ausgerichtet sind. Das ist schon Erlebnis Nummer eins: diese Lust, die ich plötzlich bekomme, mich da hinzusetzen und die Einladung zum Gucken anzunehmen. Nummer 2: Eine Horde Kinder in Badekleidung drängt sich um den Springbrunnen, der seine Strahlen aus dem Boden in die Luft schickt und tut, was ich in meiner mit einem Garten gesegneten Kindheit mit dem Rasenprenger tat: durchlaufen, kreischen, sich fassungslos freuen, dass man pitschnass ist, noch mal durchlaufen, und so weiter und so fort. Ich erinnere mich an diese Freude, ich kann sie so gut spüren, dass ich beinahe selber mitmache, in meinen Straßenkleidern. Nummer 3: Am Nebentisch wird eine sehr hinfällige Rentnerin, in Beige gekleidet und mit obligatorischer Dauerwellenfrisur, von dem perfekt auf Hipster gestylten jungen Barmann wie eine Verwandte begrüßt und umsorgt. Ich schäme mich ein wenig, dass ich überrascht bin. Nummer 4: Am Nebentisch unterhalten sich zwei Menschen in einem Englisch, das die Muttersprache von keinem der beiden ist. Dennoch lachen und plaudern sie angeregt und genießen die jeweilige Gesellschaft. Nummer 5: mein frisch gepresster Orangensaft leuchtet.
Nummer 6: Es hat plötzlich angefangen zu nieseln und eine Schar Tauben sucht Schutz unter der runden Drehscheibe auf dem Spielplatz, die als Karussell dient. Die Taubenschar bildet dabei ihrerseits einen fast perfekten Kreis. Das ist schön anzusehen. Außerdem weiß ich jetzt, dass Tauben Schutz vor Regen suchen und die Einzeltaube, die neulich auf dem Dach vor meinem Fenster stundenlang ungerührt in den Fluten saß, vermutlich schwer depressiv war. Auch das jetzt zu wissen ist schön und somit Erlebnis Nummer 7. Nummer 8, 9, 10? Fahren Sie selber fort. Probieren Sie diese Art des Erlebens aus. Ob am Aufseßplatz, im Annapark oder auf den Stufen der Peterskirche, wo immer es Sie hinzieht . Sie werden sehen, Sie kommen weit.


Aufseßplatz Nürnberg, Südstadt